terug naar Publicaties
DIE DREI, VIII. Jahrgang, 8. Heft, Dezember 1930 Online-Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift die Drei.
GEHEIMNISSE DER AENEIDE
ADELYDE CONTENT
"Virgil, der in der Aeneide ein Bild der Einweihung
gegeben hat, den musste Dante zum Führer nehmen
(namentlich in der Unterwelt). Von Virgil lernten die
Menschen damals am meisten darüber, wie es im Jen-
seits aussieht…"
"Okkulte Urkunden sind immer im Einklang mit den
Wahrheiten, welche wir in der Geisteswissenschaft verkünden …"
Rudolf Steiner
Nur mit der größten Scheu geht man daran, zu sprechen über den eingeweihten Sänger der Römer: Virgil. Zwei Jahrtausende fast decken ihn zu ...
Und es sind nicht mehr die Zeiten, dass man flehen könnte: Singe mir, Muse... Für den heutigen Menschen gibt es nur noch ein: Ich singe ... Aus eigener Verantwortlichkeit. Oder ein Schweigen.
Schweigen möchte man gerne noch, solange die Epoche noch so kurz hinter uns liegt, da der Lehrende auf Erden weilte, durch den die Möglichkeit entstand, Jahrtausende wiederum aufzudecken: Rudolf Steiner. Man möchte überhaupt die, von den heiligen Sängern in vier-und-zwanzig Buchstaben hineingeheimnisten, den Erdengeschlechtern ewig weiter entsunkenen Mysterienschätze zunächst in der Stille ausgraben.
Allein die Tatsache, dass in Italien und in den gebildeten Kreisen der weiteren Welt die Geburt des großen Virgil vor zweitausend Jahren Anlaß wird zu vielen Reden über diesen Princeps carminum (Velleius: Princeps carminum Virgilius.), fordert, dass auch aus den Kreisen heraus, unter denen der große Lehrende auf Erden gelebt hat, gesprochen wird. Nicht zur Vermehrung der Festreden, sondern zur Skizzierung von Richtlinien.
"Wohlan denn, wenn auch zaudernd ... ich singe.
Auf eigene Verantwortung.
Aber mit Scheu
Und Traurigkeit.
Mit der Empfindung einer Sacrilega,
Einer Tempelräuberin:
Dessen, was zwei Jahrtausende im Grabe ruhte.
Gewaltiges, Tiefstes aus den Geschicken der Menschheit in ihrem Gang durch die Geschlechter hindurch, die auf Erden auf- und untergehen, liegt bei Virgil geborgen. In den Eclogen, die noch der
geistigen Welt gehören; in der Georgien, die das Hereinwirken der geistigen Welt in die physische erscheinen lässt; in der Aeneis, die das Tableau auf Erden malt. Uns obliegt zunächst, von diesem
letzten unsterblichen Epos zu sprechen, das er, der Eingeweihte in den Mysterien, auf den wohlüberlegten Wunsch jenes anderen Teilhabers an den Mysterien, des Kaisers Augustus, seinem Volke sang. Diesem Volk das Lebensbuch, ihm selber sein Schwanengesang. Als das Manuskript beendet war, starb er hin.
Dass man Jahrhunderte lang behauptet hat, die Aeneis sei eine schwache Nachahmung der Odyssee, Virgil sei ein zahmer Übersetzer des Homer, sagt nur aus, dass man Virgil nicht mehr lesen
konnte. Dass man zunächst nicht mehr wusste, um was es Homer, nicht mehr, um was es Virgil ging. Parallelen sind zu ziehen zwischen den beiden Dichtern, gewiss. Aber gerade der Parallelismus
hat hier seinen Sinn. Wenn man Virgil und Homer wieder wird lesen können, wird man entdecken, wie Virgil nicht übersetzt hat, nicht nachgeahmt, sondern ewige Gegenbilder zu Homer geschaffen
hat. Man wird staunen über die Kraft, bis zu welcher Tiefe er diesen Parallelismus fortgeführt hat. Man wird anerkennen, dass hier nur aus größtem Wissen und stärkstem Wollen heraus verfahren und gearbeitet ist.
Wer mit scharf-wachem Sinn Homer und Virgil belauscht, bis in den Wortlaut hinein, der erfährt, wie der Parallelismus der beiden, einen fortlaufenden, feinen Gegensatz bedeutet. Virgil, der als Ein
geweihter um die Rolle des Griechentums in der Menschheitsgeschichte wusste und um die Rolle des Römertums — Virgil sang in einem ununterbrochenen, feinen Wortspiel seinem Volk seine Geschichte und seine Mission in einer Gegen-Odyssee.
Wer Virgil bis in die Tiefe verstehen will, greift immer wieder auf Homer zurück.
Erst wenn man Homer versteht, versteht man Virgil.
Die Menschheit als Ganzes und jede einzelne Seele schreitet durch die Geschlechter hindurch und bildet die großen Linien der einheitlichen Menschheitsgeschichte. Der Krieg um Troja, von dem seit seinem Vorgang vor fast dreitausend Jahren bis heute noch immer den Knaben in der Schule gesprochen wird, verbildlicht einen Knotenpunkt in dem Liniengeflecht dieser Geschichte. Das Menschengeschlecht, ursprünglich nicht nur in dem Tode, sondern auch während des Erdenlebens mit den Göttern und ihrer Welt vereinigt und verbunden, löste sich immer mehr zur Selbständigkeit von der Welt der Götter los. Ein freies Menschentum sollte auf Erden entstehen. Die Erde sollte erkannt und geliebt werden wie die himmlischen Reiche. Die Völker, die in den letzten Jahrtausenden, welche dem trojanischen Krieg vorangingen, repräsentativ gewesen waren für die damalige Kultur: die Ägypter, die Babylonier, die Chaldäer, sie waren schon nicht mehr wie die vorgängigen Ur-Perser und die diesen wiederum vorangegangenen Ur-Inder dem Himmel zugewandt, der Erde abgewandt. Aber dennoch lebten sie in einem Zustande des Zusammenhanges ihrer Hüllen, der sie intensiver die Götter schauen als die irdischen Reiche erleben ließ. Fatum
aber wies die Menschheit in die Tiefe. Dazu musste ihr die Götterschau verloren gehen. Der Mensch lebte während der ägyptischen Epoche mit dem Bewusstsein in der astralischen Hülle, diese Hülle
verband ihn mit der astralischen Welt, mit der Sternenwelt. Fatum aber hieß ihn sich aus der Sternenwelt zurückziehen. Man erlebte sich immer schwächer in der astralen Hülle. Fatum deckte die Götter zu.
Der ur-ägyptische Mensch, als Repräsentant der die göttliche Welt schauenden, mit ihr verwobenen Menschheitsstufe, neigte sich, als das letzte Jahrtausend vor Christi Geburt anfangen sollte, zum Untergang. Ein Geschlecht sollte die Erde bewohnen, das das Bewusstsein eine Stufe tiefer verlegt hatte: in die ätherische Hülle hinein. Zum Führer auf dieser Stufe war das Geschlecht der Hellenen erkoren.
Die Kulturströmung wanderte von Ost nach West, war bestimmt, nach Europa überzugehen. An der äußersten Westküste Asiens, in dem kleinasiatischen Priesterstaat Troja, wurde der Kampf zwischen Gottverbundenheit und freiem Erdensinn, zwischen Asien und Europa, gestritten. Der Sieg der Griechen, die Zerstörung der "alta urbs", der hohen Troja, des Göttersitzes, bedeutet den Untergang der alten menschlichen Fähigkeit der Götterschau zum Behuf der neuen Fähigkeit der Erdenschau und des Erdendenkens. Das Erleben der ätherischen Hülle bedeutet ja für den Menschen die Möglichkeit der Vernunft. Dem Sieg der Griechen über Troja verdankt die Menschheit die Philosophie als schönste Blüte. Sie verdankt ihm auch ihr schwereres Konto an Sünde und Schuld.
Den Helden der Odyssee, den πολύμητις (polýmētis, viel-sinnenden) Odysseus, hat die Muse dem Homer, als er sich blendete vor der ablenkenden Sinneswelt und die dienende Lenkerin der Apollo-
Kraft anrief, vorgezaubert als den griechischen Menschen. Als den griechischen Menschen, der, nachdem er Troja und deren Stufe überwunden, sich, losgelöst von der lenkenden Sternenwelt, auf die Irrfahrt begibt. Über die Erde hin, in die Erde hinein. Verstehen wir uns gut. Ein Einweihungsbuch ist die Odyssee, sie singt die Schicksale der persönlichen Seele Odysseus', welche, nachdem sie ihr Heiligstes, die Penelope, hat zurücklassen müssen, einsam und ungeschützt sich in die Finsternis hineinbegibt, in der Finsternis mit Gefahren ringt. Bis sie sich hindurchgerungen und sich wiederum
mit ihrer ureigensten heiligen Seele verbinden kann. Aber zugleich verbildlicht dieser persönliche, einweihende Schicksalsweg den Weg, der für den griechischen Menschen notwendig wurde. Und damit für die ganze Menschheit von da an. Der Gang durch die finstere Erde hindurch, dieser Schicksalsweg des Menschengeschlechts, bedeutet eine Einweihung der Menschheit.
Der erste Mensch, dem die Götter entfielen, und der, hilflos und nackt, in die Erde hinein musste, war also der Grieche. Zwar war er noch weniger "übel dran" als die nach ihm kommenden Ge
schlechter, da ja diese das Bewusstsein selbst nicht mehr in der ätherischen Hülle aufrecht erhalten konnten, es ihnen in die physische Hülle hinein entsank. Ein gewisses Gegengewicht gegen die mit Er
starrung drohende Erde war für die Griechen doch immer noch geschaffen, indem das ätherische Element, in dem er lebte, ja ein lebendiges Element war. Mit dem heutigen, ganz in das Physische
hineingebannten Menschen verglichen, war der Grieche ein von der Sonne beschienener, freier Erdenmensch.
Im Vergleich mit dem alten Ägypter aber war der Grieche ein um das göttliche Licht Gebrachter. Das Leben mit den Göttern zusammen, das göttliche Wissen starb hin für den Intellekt. Göttliche Liebe wurde irdische Begierde.
Homer singt, wie, als der Sonnenstaat Troja endlich zerstört war, Odysseus, der Grieche, sich auf die dunkle Irrfahrt begibt.
Virgil singt, wie — als die Griechen durch den Sieg des neuen Intellekts, durch das trojanische Pferd, die Mauern des heiligen Troja durchbrochen — Aeneas, der bis aufs Letzte für das Rein
bewahren des Sonnenstaates gekämpft hatte, sich auf die Irrfahrt begibt mit dem heiligen Lichtschatz des alten Ilion: damit er ihn nach Europa hinüberrette.
Dass der Kampf um Troja durch das ganze Altertum hindurch immer gegenwärtiges Wissen der ganzen Menschheit blieb, dass Dichter, Bildhauer, Maler ihm ihren Stoff entlehnten, Philosophen immer wiederum auf ihn zurückgriffen, Dialektiker an ihn anknüpften, wundert den nicht, der sich im obigen Sinne der Bedeutung der Geschehnisse bewusst wird. Das Menschenherz hatte das ganze Altertum zu durchleben, ehe es seine Erschütterung über das tragische Schicksal: von den Göttern verstossen zu werden, überstanden hatte.
Wer hören will, hört, wie Homer und Virgil beide dafür zeugen, dass der Grieche selber Unsägliches litt, da er die hohe Troja stürzen und sich hineinbegeben musste in den tiefen irdischen Schlund. Wie der schicksal-erfüllende Mensch steht der Grieche immer da. Als bei Homer die Repräsentanten der Griechen in den hohlen Bauch des Pferdes — den Abgrund der irdischen Intelligenz — hinabsteigen, weinen und zittern die Lenker und Weisen. Odysseus erzählt,
Odyssea XI, 523 ff:
"Allein als wir in das Pferd hinunterstiegen, das Epeios gewirkt
hatte — die Ersten der Griechen alle — (mir aber war sämtliches
auferlegt, sowohl das Eröffnen des festgefügten Lagers als das
Wiederzuschließen), da wischten die weiteren Führer und Berater
die Tränen, und einem jeden zitterten die Kniee. . . "
Bemerkt sei hier, dass als der Erbauer des Pferdes, des Schlundes des Intellekts, feinsinnigerweise Epeios genannt wird, d. h. der Vertreter des ἔπος (épos), des menschlichen Wortes. In dem trojani
schen Pferde starb die Möglichkeit des lebendigen Erlebens des göttlichen Wortes, des Logos — welchem das Menschengeschlecht auf Erden sich schon immer mehr entfremdet hatte — hinweg. Die Herrschaftsperiode des Epos brach an. Bis die Zeit kam, dass die Herrschaft zur Alleinherrschaft über die Erde hin zu werden drohte. Da stieg der vergessene Ursprung, der Logos, selber zur Erde hinunter. Von dem, was der Christus gegen die Schriftgelehrten einzuwenden hatte, sprach Rudolf Steiner: ... "Er hat das gegen sie einzuwenden, dass sie sie (nämlich die Weisheit) eben aus den Schriften haben, dass sie in ihren Seelen nicht unmittelbar Zusammenhängen mit jenem Quell, aus dem das lebendige Wort unmittelbar ausfließt."
Bei Homer (Ilias XXIII 664 ff.) ist Epeios denn auch "ein tüchtiger, großer Mann", der Sohn des Πανοπεύς (Panopeús), d. h. desjenigen, der alles zum ἔπος (épos), zum Irdischen macht. Er ist "sich auskennend im Faustkampf", wovon er selber Vers 699 sagt, der erste darin zu sein. Der Faustkampf — dies wird aus mehreren Stellen bei Homer und anderen klar — ist eine Übung und Tätigkeit, die auf die Erde hinunterführen, Erdenstärke und Erdensinn geben. Odyssea XI 300 wird auch Pollux "pux agathos" genannt, tüchtig im Faustkampf. Dagegen heißt Castor dort hipodamos, "das Pferd bezwingend", also: den niederen Verstand besiegend*).
_______________________________________________________________________________________________________
*) Siehe meine Studie: "Die Helenasage und ihr Zusammenhang mit unserer
Zeit" (erschienen in dem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag in Dornach),
wo ich versucht habe zu zeigen, wie Pollux, Πολυδεύκης (Polydeúkēs), "der vielmals Unter-
tauchende" heißt, das ahrimanische Element. Dagegen Pollux' Zwillingsbruder
Castor, Κάστωρ (Kástōr) (og, der "die Höhe Suchende", das luziferische Prinzip. — Nur um
nicht in Wiederholungen zu verfallen, werde ich wohl gezwungen sein, dann und
wann auf dieses Büchlein hinzuweisen.
_______________________________________________________________________________________________________
Nun Virgil. Virgil läßt Aeneas erzählen, wie die Griechen erst, nachdem sie ihre letzten Kräfte in mannhaftem Krieg erschöpft haben, das Pferd bauen. Dieser marshafte Kampf, bellum, μάχη (máchē)
ist etwas, was nicht weiter zu der Menschheitsentwicklung gehört, die Waffe wird die Vernunft, der "vernünftige" Krieg. Bezeichnend ist, dass Epeios, als er sich rühmt, der Beste im Faustkampf zu sein, fragt (Ilias XXIII 670): "Oder ist es nicht genug, dass mir die Streitbarkeit (μάχη= máchē) fehlt?" Der Marshafte Kampf blieb dem Volk, das den Retter des alten Schatzes Trojas, Aeneas, zum Ahnherrn hatte, den Römern, den Marssöhnen, Vorbehalten.
Aeneas erzählt also bei Virgil, Aeneis II 13 ff.:
".. . Durch den Krieg (bellum) gebrochen und abgeschlagen durch die Götterbestimmung,
bauen die Lenker der Griechen, indem schon so viele Jahre verflossen,
ein Pferd wie einen Berg, durch die göttliche Kunst der Pallas."
Wenn man im Bewußtsein behält, dass Troja die letzte Stätte ist, wo für den Zusammenhang mit dem Himmel gestritten wurde, bekommt jedes bestimmte Wort bei Virgil nun auch einen bestimmten Sinn. ,,Ein Pferd wie ein Berg." Kompakt in drei Worten steht es da: instar montis equum. Buchstäblich heißt dies: nach dem Gleichnis des Berges (oder auch: anstatt des Berges) ein Pferd. Das bisherige Menschengeschlecht hatte sich auf den Berg hinaufbegeben zu den Göttern; die Griechen erschaffen sich einen Berg in der Gestalt des Pferdes: Umhüllung eines hohlen Abgrundes.
Der letzte Vers dieses zweiten Buches, wo Aeneas erzählt hat, wie "das Pferd" nun auch innerhalb Trojas gelangt ist, womit der weitere Kampf seinen Sinn verlor, lautet:
"Cessi, et sublato montem genitore petivi."
d.h.
"Da bin ich gewichen, habe den Vater mit mir genommen und habe den Berg
aufgesucht."
Als auch innerhalb Trojas der Abgrund gähnte, verließ Aeneas die Stätte und kehrte treu ein dort, wo die Götter weilen.
Das Epitheton des Aeneas ist meistens pius, fromm. Pius Aeneas, der gottverbundene Aeneas. Für den Griechen bedeutete das Frommsein ein anderes, nämlich ein Eingeweiht-werden in die Erde. Um
in die Erde eingeweiht zu werden, musste das Band mit den Göttern zeitweilig zerstört, alles zurückgelassen werden. Odysseus lässt, als er zur Zerstörung Trojas von Ithaka fortzieht, seinen Vater Laertes und seinen Sohn Telemachos daheim, einsam kämpft er und einsam irrt er. Der Sohn nimmt von weitem teil an dem Streit, wie ich in der Helena-Studie zu zeigen versuchte: Τηλέ-μαχος (Tēlemachos), der aus der Ferne Kämpfende.
Aeneas kämpft für das Band mit den Göttern und nimmt, als schließlich die Götterburg geschändet ist, den Vater und den Sohn mit in die Verbannung. Auf den alten Darstellungen sieht man Aeneas aus Troja entweichen, auf der Schulter den Vater, der den heiligen Schatz Trojas auf den Knien behält; an der anderen Hand den kleinen Sohn Askanios, den Szepter tragend. Aeneas fängt die
Irrfahrt an mit dem Vater und mit dem Sohn.
Es gibt eine Sage: nicht erst als Troja brannte — als Laokoon von der Schlange umschlungen wurde, hat Aeneas die Penaten genommen und ist zum Berge Ida hin gewichen. Auf dem Berge Ida — dies stellt sich aus dem Zusammenhang, in dem der Name gebraucht wird, immer wiederum heraus — findet der Mensch die Götter, der Ida ist Götterwohnung, geistige Welt. "Als der Priester Laokoon von der Schlange überwunden wurde..." d. h. also: als Aeneas das Götterzeichen geschaut hatte, dass der Priesterstaat besiegt, der Intellekt (die Schlange) Sieger sein sollte, sah er vom weiteren Kampf um die Burg Trojas ab. Trojas Ende war gottgewollt. Er wusste von jetzt ab, dass der Mensch den Erden tiefen nicht entgehen konnte. Er zieht sich eine Weile in den Schoß der Götter, auf den Ida, zurück: inontem petivi. Von dorther fängt auch er, der Ahnherr der Römer, die dunkle Irrfahrt zu dem finsteren Europa an. Zu Europa, dem Teile der Welt, wohin die Kultur aus hohen lichten Götterreichen hinuntergetragen werden musste (Die Helena-Sage pag. 12.) Als am Hofe der Dido Aeneas bei der Erzählung seiner Schicksale an den Punkt gekommen ist, wo er zum ersten Male von weither das sehnsüchtig gesuchte Land geschaut hat, hören wir, Aeneas III 521 ff.:
"Jamque rubescebat stellis Aurora fugatis:
Cum procul obscuros colles humilemque videnms Italiam ...
d.h.
"Und schon errötete Aurora, nachdem sie die Sterne ge
scheucht hatte: Als wir in der Ferne die düsteren Hügel sahen-
und das tiefe Italien . . ."*)
_______________________________________________________________________________________________________
*) Schon die gelehrten Philologen aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert Aelius Donatus und Maurus Servius Honoratus, von denen uns eine Menge von Versuchen zur Erklärung von Virgils Sängen geblieben sind, versuchen, ohnmächtig, verschiedene Möglichkeiten anzuführen, weshalb Virgil Italien "humilis, nieder, tief genannt haben kann, da ja "Italia non humilis est" (Donatus). _______________________________________________________________________________________________________
Als aber Aeneas das heilige Ilion verlässt, nimmt er den Vater, das göttliche Vaterprinzip, mit von dannen. Wo er irrt und kämpft, der Vater ist nahe, ἄγχι (ánchi): Anchises. Als er "die düsteren
Hügel und das tiefe Italien" in der Ferne geschaut, ist es der Vater, "Pater Anchises", der doch hinten im Schiff unter feierlichen Handlungen die Götter anruft.
Aber auch den kleinen Sohn — den Sohn, den Odysseus daheim ließ und bei seiner Heimkehr erwachsen wiederfand — Aeneas nimmt ihn mit auf die Irrfahrt. Szeptertragend sehen wir ihn ab
gebildet, er führt Aeneas, den suchenden Menschen. Er kämpft nicht τῆλε (têle), nicht in der Ferne, er ist im Feldherrnzelt, in der σκηνή (skēnḗ), ad scaenam, auf dem Schauplatz: Ad-scanios, Ascanios*).
_______________________________________________________________________________________________________
*) Es gibt griechisch-phrygische Münzen, welche den Gott Lunus zeigen mit phrygischer Mütze und welche als Umschrift haben: μὴν Ἀσκηνός (mēn Askēnos) oder auch μὴν Ἀσκαῖος (mēn Askaîos)
= an der Linken).
_______________________________________________________________________________________________________
Homer singt von dem einsam ringenden, dem Verderben ausgesetzten Menschen. Virgil von dem, durch Schicksale und Nöte hindurch, in den göttlichen Vaterkräften eingebetteten, von dem
Sohn geführten Menschen, der nicht verderben kann.
Wie Homer und Virgil wussten, auf welch weittragendem, erschütternden Ereignis sie ihr Epos aufbauten — dafür möchten wir noch einiges anführen.
Als die Griechen, in dem gähnenden Bauch des Pferdes geborgen, dem Augenblick für ihr Hervorbrechen entgegenharren, ereignet sich etwas, was schließlich den ganzen Aufbau hätte vereiteln können. Helena, die griechische Frau, kommt herbei und geht, die Helden bei Namen rufend, um das Pferd herum. Die Gefahr entstand, dass die eingeschlossene Heerschar sich verraten würde, womit das Endziel: die Zerstörung Trojas, für ewig verloren wäre (Die helena-Sage pag.25).
Odyssea IV 274 ff. spricht Menelaos zur Helena:
"Dann kamst auch du her: die dich befahl, mag eine Gottheit gewesen sein,
Die, welche den Trojern die Herrlichkeit bescheren wollte:
Denn wahrlich, der göttergleiche Deiphobos folgte dir nach."
Wer ist Deiphobos? Er ist die Gestalt, die die Furcht (φόβος (phóbos)) vor
der Zerstörung (δηι-οῦν (dēi-oûn)) darstellt, die Angst vor dem Niederreißen des Alten: der hohen Burg Trojas. Niedermachen, zerhauen, heißt δηι-οῦν, lateinisch lacerare. Die göttergleiche, bei den
Göttern heimische Furcht vor dem Niederreißen des göttlichen Bollwerkes auf Erden, folgte Helena als Schatten, als sie zu der Stätte sich begab, wo das Schicksal Trojas zum Äußersten kam.
Odyssee VIII, wo Odysseus, zunächst als Unbekannter, am Hofe des Phaiakenkönigs Alkinoos weilt, bittet er den Hofsänger Dêmodokos-, Vers 492 ff.:
"Aber wohlan, begib dich hinüber*) und singe das Ereignis des speerhölzernen Pferdes,
Welches Epeios zustandebrachte mit der Hilfe Athenas,
Und das einst listigerweise der göttliche Odysseus zur Burg führte,
Es ausfüllend mit Männern, die Ilion zu Ende brachten . . . "
Dêmodokos fängt dort zu singen an, wo das Pferd mit seinem Inhalt gewaffneter Männer schon auf dem Markt Trojas steht; er singt, wie es unentrinnbares Schicksal für Troja war unterzugehen,
"nachdem einmal die Stadt das große, speerhölzerne Pferd in sich
barg, darinnen alle die Vertreter der Griechen gesessen waren,
Mord und Todesgeleit den Trojern bringend."
Und Homer fährt fort:
"Er sang, wie die Söhne der Achaier die Stadt weit und breit zerstörten,
Nachdem sie aus dem Pferde herausgestürzt, das hohle Lager verlassen.
Er sang, wie der eine hier, der andere dort die ragende Stadt verheerte,
Wie Odysseus aber zum Palast des Deiphobos seinen Weg nahm,
Wie Ares selber,
Zusammen mit dem göttergleichen Menelaos.
Dort, kündete er, habe Odysseus den schreckensvollsten Kampf ausgehalten
Und habe zum Schluss gesiegt: kraft der mutvollen Athena.
_________________________________________________________________________________
*)μετάβηθι (metábēthi). Der Sänger war ja bei den Griechen derjenige, der die
göttlicheWelt noch schauen konnte und von ihr singen. Daher μετάβηθι (metábēthi), d. h., dem
Sinn nach: wechsle deinen Standort.
___________________________________________________________________________________
Odysseus, "dem Sämtliches auferlegt war", wusste, worauf es ankam, als die Griechen, das neue Element, endlich in die alte Götterburg gelangt waren: während die anderen verheerten, wo und was
sich just ergab, suchte Odysseus — als der Kriegsgott selber, der die Überschau hat und den zentralen, schicksalhaften Punkt weiss — zusammen mit Menelos, um dessen Schätze es ging (Die Helena-Sage, besonders pag. 34.) — geradewegs den Sitz der "Furcht vor der Zerstörung". Dort erwartete ihn noch der "schreckensvollste" Kampf. Aber er hielt durch, vollbrachte das Gräßliche: Athena, die Göttin der griechischen Entwicklung, bot ihre Hilfe.
Hiermit — mit der Zerstörung der Furcht-vor-der-Zerstörung also — ist der Sang des Sängers zu Ende. Aber Homer singt weiter:
"Dies also sang der ruhmvolle Sänger; aber Odysseus
schmolz; und unter den Augenlidern befeuchteten Tränen die Wangen.
Dass er es hat vollbringen müssen, das Zurückschrecken vor dem
völligen Zerreißen des Alten niederzukämpfen, die Erinnerung daran
wurde für Odysseus der Anlass zur tiefsten Erschütterung.
In der Helena-Studie habe ich versucht den Zusammenhang klarzulegen, der besteht zwischen der im griechischen Zeitalter zur Geburt kommenden Intelligenz und einem neuen Verhältnis der
Geschlechter. Bevor wir dazu übergehen, die Figur des Deiphobos bei Virgil — namentlich wie Aeneas ihn auf seinem Gang durch die Unterwelt schaut — näher zu betrachten, ist es notwendig noch einmal kurz darzulegen, wie der Streit um Troja, dessen Tragweite wir bis jetzt zu beleuchten versuchten, verbildlicht dasteht in dem Streit um die Helena, um die Frau. Der in ewiger, von den Göttern gelenkter Metamorphose begriffene Mensch sollte in eine neue Ära eintreten. seine neue Lage erfährt man, wenn man fragt: was macht er aus seiner Seele? Oder, was dasselbe ist: wie ist sein Verhältnis zu der Frau?
Damals versuchte ich zu zeigen, wie das um eine Stufe heruntersinkende Bewusstsein des Menschen — nämlich aus der, die astralische Welt oder die Sternenwelt erlebenden astralischen Hülle in die, mit dem physischen Körper eng zusammenhängende ätherische Hülle — wie diese geänderte Lage die Liebe unter den Menschen, die bisher eine Stammes- oder Blutsliebe gewesen war und in ihrer äußersten Gipfelung zur notwendigen Fortpflanzung des Stammes gedient hatte, in Geschlechtsliebe umwandelte. Paris, der Königssohn aus Troja, der die Helena entführt, um sie hineinzuführen in die hohe Burg der heiligen Troja — er ist derjenige, der als erster in der Burg dadrinnen an den heiligen Grundmauern rüttelt. Womit er zugleich der Anlass wird, dass die Griechen, die neuen Liebhaber des Intellekts und der Frau, von außen her den Anprall auf die
heilige Feste vollziehen. Paris ist der Urheber von Trojas Untergang.
(Die Helena-Sage pag. 26: Πα-οίς (Pa-oís): "der, der vorübergehen macht.")
Nun haben wir damals ausgeführt, wie Dr. Steiner darüber sprach, dass zwar die exoterische Sage Helena als die willig dem Paris Folgende darstellt, dass aber die in den heiligen Mysterien gehütete
esoterische Wahrheit darüber belehrte, wie Paris sie gegen ihren Willen geraubt und mitgeführt hat, wie Hera aber die Schiffe des Paris irreführte, so dass er mit der Helena an ägyptischem Ufer landete, in dem Reiche des Proteus, des sich ewig wandelnden Gottes. Das heißt also: Hera sorgte dafür, dass die Frau die Verbindung behielt mit dem mit der geistigen, in lebendiger Verwandlung begriffenen Welt verbundenen ägyptischen Zeitalter, damit, als nach dem Sturz Trojas Menelaos sie von dorther, aus Ägypten, heimholte, sie unverletzt, anknüpfend an das Vergangene (das Leben auf der ägyptischen Stufe), das neue Leben der griechischen Frau anheben könne. Paris, so lehrte man in den Mysterien, wurde von Proteus nach Troja heimgeschickt mit dem Idol der Helena.
Es sei hier gestattet zu bemerken, dass wir diesen von Rudolf Steiner mitgeteilten Inhalt der esoterischen Sage seitdem wirklich als Überlieferung aufgezeichnet gefunden haben in Schriften aus
den Zeiten — den ersten nachchristlichen Jahrhunderten — da man heilige esoterische Tatsachen nicht mehr verstand und — nicht mehr hütete.
Was in Troja weilte von der Helena, war das alte Idol, das Traumbild, das Schattenbild der Frau. Das Weib Helena wurde für Griechenland und sein Zeitalter aufbewahrt. Die Helena, die innerhalb Trojas weilte, gefährdete die Feste nicht. In dem Folgenden wird man aber sehen, wie — sobald die Griechen, als neues, fremdes Entwicklungselement, sich in die Feste gedrängt hatten — das Frauen-Idol zum Weib, zur Helena, zur Höllenfrau (Die Helena-Sage pag. 10). wurde.Auf neuem, griechischem Boden konnte die Helena, anknüpfend an die Imaginationen Ägyptens, sich zur göttlichen Schönheit hindurchkämpfen.
Auf dem Boden des alten Priesterstaates konnte die fremde, neue Helena nur zur Mänade werden.
Unter das Wenige, was Rudolf Steiner über Virgil gesagt hat, gehört das am Anfang als Motiv verwendete Wort, dass Virgil in der Aeneis ein Bild der Einweihung gegeben hat. Gerade also wie Homer in der Odyssee. Diese Epen stellen den Einweihungsweg eines Menschen dar. Aber wie wir oben schon andeuteten: die Einweihung eines Menschen in einer bestimmten Zeit umfasst, wenn man so sagen darf, den Lehrstoff einer ganzen Kulturströmung. Die Odyssee erzählt die Reihe der Gefahren und Erlebnisse des Inauguratoren der griechischen Epoche, der sich auf den Weg der Einweihung begibt, des Odysseus. Sie stellt aber zugleich Entwicklungsweg und Entwicklungsgut des griechischen Volkes dar. So singt Virgil in der Aeneide die Schicksale der persönlichen Einweihungsfahrt des Aeneas, des Helden, der den heiligen Schatz Trojas nach Italien verpflanzt und dort so der Inaugurator wird der römischen Kultur. Zugleichverbildlicht aber der Einweihungsweg des Aeneas Weg und Lehrgut des ganzen römischen Volkes. Ein "Bild der Einweihung" kann natürlich nur gegeben werden von einem, der selber in die Mysterien eingeweiht ist. Daher unsere obige Benennung von Virgil als Eingeweihtem und daher auch die Lösung des Rätsels, warum man …
zwei Jahrtausende lang an Virgil herumhantiert hat und in zunehmendem Maße — mit dem Sterben der alten Mysterien und dem Verlorengehen ihres Wissensgehaltes — ihn als harmlosen Hexameter-Spender missverstanden hat. Denn wenn ein Eingeweihter heraustrat unter sein Volk und es unternahm, ihm aus dem Mysteriengut mitzuteilen, spendete er dies in Bildern. Er dichtete den
lebendig webenden unfassbaren Stoff. Von den anderen Teilhabern an den Mysterien wurden die Bilder durchschaut; auf die große Masse des Volkes wirkten sie, unverstanden, in lenkendem Sinne.
Als die Zeiten aber fortschritten, die Mysterien in die Dekadenz hineinkamen, ging den Bildern die lenkende Kraft verloren. Und was das Verständnis derjenigen anbetrifft, die noch durchzuschauen versuchten: in Bezug auf Virgil z. B., ist nachzuweisen, dass schon die oben genannten Philologen aus dem vierten Jahrhundert Donatus und Servius, in gründlicher Unwissenheit lebten. Ihre Kommentare
dienen uns, insoweit sie uns vielfach älteres Wissen überliefern. Die Art aber, in der sie es mitteilen, zeugt dafür, dass sie selber sich nicht bewusst waren, mit wie heiligem Feuer sie spielten.
Leider ist es notwendig, hier festzulegen, dass der ganz kleine Teil der Kommentare von Servius und Donatus, welcher den heutigen Philologen noch einigermaßen nützlich dünkt, gerade der Teil ist,
der über die von dem eingeweihten Virgil in Bildern hineingeheimnisten Mysterienwahrheiten nichts mehr aussagt, sondern den Virgiltext dem späteren Bewusstsein anzupassen versucht. Das Studium
der Geisteswissenschaft ermöglicht, gerade das ursprüngliche, altüberlieferte Wissensgut zu schätzen und zu durchschauen.
Dass Virgil Aeneas in die Unterwelt hinabsteigen lässt, ist schon das unfehlbare Zeichen, dass wir es mit einem Einweihungsbuch zu tun haben. So ist auch Odysseus zu den Toten hinabgestiegen. Um ein Eingeweihter zu werden, hat man ja die obere Welt, das Vergängliche zu verlassen, in der Welt der Seelen die eigene Seele, zu suchen. Als Wissender, als Besitzer des Ewigen, kehrt man in die obere Welt zurück.
Gerade die Mitte der aus zwölf Büchern bestehenden Aeneide lässt uns Aeneas in der Unterwelt schauen. Das sechste Buch besingt die Erlebnisse des Aeneas in der Welt der Hingeschiedenen; als das sechste Buch zu Ende ist, hat er die Küste der oberen Welt wiederum erreicht, er wirft den Anker aus. Mit der zweiten Hälfte der Aeneis fängt die zweite Hälfte der Fahrt, die Rückkehr an. In der aus vierundzwanzig Büchern bestehenden Odyssee fällt in der Erzählung des Odysseus am Hofe des Alkinoos, wo er von seinen Schicksalen meldet, die Abfahrt aus der Totenwelt zusammen mit
dem Schluss des elften Buches.
Man könnte dies alles auch folgendermaßen formulieren: als Einweihungsbuch des ganzen Volkes fängt in der Mitte der Odyssee die Rückfahrt an nach dem das griechische Wesen schärfst repräsentierenden Ithaka; in der Mitte der Aeneide nach dem erneuerten Ilion: Rom. Wobei kennzeichnend ist, wie Aeneas zuerst, als er Italiens Küste erreicht, König Latinus um Land bittet zur Gründung seiner Stadt. Aeneas, der, indem er Troja hat müssen stürzen sehen, wusste, dass das Abgeschlossenwerden von dem geistigen Lichte, die Verbindung mit der Erde Schicksal war, hatte seinen Vater und das Bild des reinen Lichtes, das Palladion, aus der Ruine Asiens gerettet, um sie in europäischen Boden, wo das neue finstere Schicksal gelebt werden sollte, einzusenken. Verbergen, latere, wollte er das lichte Götterreich in das finstere Europa, dessen Aera als Kulturführer anbrach. Land von Latinus, Latium suchte er.
Es wäre schade, die Möglichkeiten des Servius, als eines der berühmtesten der alten Virgil-Kommentatoren, an diesem wichtigen Punkt nicht einmal zu prüfen.
Gerade am Anfang der Aeneide wird uns gesagt:
"Multa quoque et bello passus, dum conderet urbem,
Inferretque deos Latio: genus unde Latinum,
Albanique patres, atque altae moenia Romae."
d.h.
"Vieles litt er auch durch Kampf, damit er die Stadt gründete
Und die Götter in Latium hineintrug: woher das latinische Geschlecht
Und die albanischen Väter und die Mauern des hohen Rom."
Wer durch Geisteswissenschaft verstehen gelernt hat, könnte an Hand derartiger Zeilen ein ganzes Seminar abhalten. Und solche Zeilen gibt es nicht nur bei Homer, sondern auch bei Virgil auf jeder
Seite. Wir müssen uns aber beschränken. Weisen wir nur darauf hin, dass aus dieser Stelle wiederum hervorgeht, wie mit bellum nicht nur der Krieg gemeint ist, durch den ein Volk als solches seine
Schicksale durchkämpft, sondern auch der Kampf, der moralische oder seelische Kampf.
Durch Kämpfe hat Aeneas gelitten, damit er die Urbs, das neue Ilion gründen konnte und die Götter hineintragen in das Land "Latium": woher das Geschlecht der Latini usw. Servius bemerkt zu
dieser Stelle: Si iam fuerunt Latini et iam Latium dicebatur, contrarium est quod dicit Latinos ab Aenea originem ducere; d.h. wenn die Latiner dort schon waren und es schon Latium genannt wurde,
ist es ein Widerspruch, dass er sagt, dass die Latiner ihren Ursprung von Aeneas herleiten. So schon Servius im vierten Jahrhundert. Noch heute aber gilt, was man Servius hätte erwidern müssen: so
lange man die Namen bei den alten Dichtern für Benennungen von physisch-abgegrenzten Erdgegenden ansieht, wird man immer auf unlösbare Widersprüche stoßen.
Von dem das Göttliche in sich aufnehmenden, verbergenden Land rührt das Geschlecht der "Verbergenden" her, die Nachkommen des Aeneas, der das Göttliche aus dem sinkenden Ilion hinüberrettete; und die das Göttliche hütenden Priester mit dem langen weissen Kleide, Symbolum für die fortgesetzte lichte Reinheit Trojas:
Alba Longa; und die starken Mauern der hohen Roma als unerschütterliche Burg errichtet über dem Grab der Götter.
Kehren wir jetzt zu Deiphobos zurück, namentlich zu seiner Gestalt bei Virgil. Es ist, als ob Virgil dort, wo Homer geendet hat, die Geschichte weiter erzählt. In schauervollstem Kampf hat Odysseus über Deiphobos gesiegt: so weit Demodokos bei Homer. Bei Virgil finden wir Deiphobos wieder: in der Unterwelt, als Schatten, dessen Anblick Aeneas nicht erspart bleibt. Gleich wie bei Homer
wird er auch bei Virgil ein Sohn des Priamos genannt: die Furcht vor der Zerstörung stammt von Trojas König.
Die Aeneide, Buch VI 494 ff. erzählt uns:
Und da sah er den Priamos-Sohn Deiphobos, den ganzen Körperzerrissen,
Das Angesicht grausam beleidigt:
Den Mund, beide Hände und die beraubten Schläfen,
Von denen die Ohren hinweggerissen; und die von schändlicher Wunde verstumpfte Nase.
Kaum erkannt' er ihn wieder, in einer so furchtbaren Angst und versuchend, die grausame, an ihm vollzogene Strafe zu bedecken;
Und er fängt an, ihn mit der ihm vertrauten Stimme anzureden:
Waffenmächtiger Deiphobos, du Sprosse aus dem hohen Blut der Teuerer,
Wer wünschte an dir so grausame Strafe zu vollziehen?
Wer erlaubte sich solches mit dir? In der letzten Nacht
Erreichte mich das Gerücht, dass du, als weit und breit die Pelasger alles niedermachten,
Erschöpft über den Haufen verwirrter Ruinen hingesunken seist.
Da habe ich an dem Rhoeteischen Strande einen Grabhügel hergestellt,
Einen leeren, und habe mit lauter Stimme dreimal deinen Geist angerufen,
Dein Name und Deine Waffen hüten den Ort: dich selbst, mein
Freund, habe ich nicht mehr sehen können
Und dahinscheidend in den väterlichen Boden niederlegen.
Hier fing der Priamos-Sohn an: Von dir, o Freund, ist nichts nachgelassen.
Alles hast du für Deiphobos und die Schatten des Grabes erfüllt.
Aber mich haben mein Schicksal und das heillose Verbrechen der Laconischen Helena
In diese Verderbnisse getaucht; sie ist es, die diese Denkmäler hinterließ.
Denn, wie wir die letzte Nacht unter falschen Freuden verbrachten,
Dies weisst du: und es gibt nur allzuviel Grund, uns daran zu erinnern:
Als das Schicksalspferd mit steilem Bogen die hohe Pergama übersprungen hatte
Und in dem fruchtbaren Leib die bewaffneten Kämpfer hereingetragen:
Da führte sie, einen Chorreigen vorgebend, die Trojanerinnen, heilige Orgien feiernd, herum.
Sie selber, in der Mitte, hielt eine riesige Flamme hoch
Und rief die Danaer von der Spitze der Burg zu sich heran.
Da fesselte mich, erschöpft von Sorgen und belastet von Schlaf,
Das unglückliche Lager, und mich, der ich da lag,
Hielt nieder eine tiefe und süße Ruhe, ganz ähnlich dem friedlichen Tod.
Inzwischen schafft die beispiellose Gattin alle die Waffen aus dem Hause
Und hatte mein treues Schwert unter meinem Haupte fortgenommen:
Sie ruft Menelaos unter das Dach und öffnet die Schwelle:
Gewiss erwartend, dass dies ein großes Geschenk sein würde dem Liebenden
Und dass der Ruf der vergangenen Missgeschicke getilgt werden könnte.
Wozu viele Worte? Sie dringen in das Schlafgemach: zu ihnen gesellt sich
Der Übeltaten Anstifter Ulysses. — Ihr Götter, solches vergeltet den Griechen!
Wenn ich wenigstens mit frommem Munde Genugtuung fordere.
Man fühlt und sieht aus diesem ganzen Ausschnitt das feine Gegenspiel zu Homer. Was aber vor allem hervorspringt, ist: wenn man die Tragweite nicht durchschaut dessen, was die verschiedenen
Gestalten bei Virgil, wie bei Homer repräsentieren — und keine Gestalt ist in den tiefen Epen des Altertums zwecklos, nur als Schmuck erwähnt, — gehen unendliche Feinheiten, geht der Sinn jeder Zeile verloren. Und als zwecklose Gestalten wurden seit jeher und werden noch immer die Geheimnis-bergenden Figuren der Epen genommen.
Viele Stellen bei Homer, die ganze angeführte Stelle bei Virgil, verlieren ihren Sinn, wenn man in Deiphobos nicht "die Furcht vor der Zerstörung" wiedererkennt, die Scheu vor der Zerstörung des
Palladiums, des reinen Menschenbildes. Er, die Furcht vor der Zerstörung, wird von Aeneas in der Welt der Schatten wiedergefunden, selber ganz zerstört: das zerstörte Menschenbild. Zerstört, verdorben sind die Sinnesorgane: Mund, Ohren, Nase, die Hände. Dermaßen zitternd erblickt ihn Aeneas, dass er ihn, den er als sittliche Scheu auf Erden gekannt hat, fast nicht wiedererkennt. Als Waffenmächtiger, armipotens, redet Aeneas ihn an: zehn Jahre lang hat er es verstanden, mit den Waffen die Zerstörung ferne zu halten. Als endlich die Griechen Troja zur Ruine machen, sinkt die "Furcht vor der Zerstörung" erschöpft über die Ruine hin. Das göttliche Menschenbild hat sein Ende gefunden, läßt auf Erden selbst keinen Leichnam zurück: Aeneas verrichtet die Zeremonie an einem leeren Grab. Dieses Grab errichtete er am "Rhoeteischen Strande", womit — wie aus vielen Stellen der alten Dichter bestätigt werden kann — eine Gegend der geistigen Welt gemeint ist: der Name und die Rüstung des letzten Repräsentanten der gottverbundenen Kultur auf Erden, befinden sich als Denkmäler in der geistigen Welt.
Es gibt eine Überlieferung, dass, nach Paris' Tode, Helena die Gemahlin wurde des Deiphobos. Das heisst: das "Idol der Frau" flüchtete sich zuletzt noch zu dem Punkte hin, wo bis zum Äußersten
der Kampf ausgefochten werden würde. In dem, was "die Frau" repräsentiert, drückt sich die Lage des Mannes, des Menschen aus. Als die göttliche Kultur stürzen musste, kulminierte dieser Sturz in
dem Sturz der bisher göttlichen und als ein Göttliches empfundenen Frau. In Griechenland sollte die Frau ihre Rolle als Erdenweib anfangen, d. h. der Grieche sollte, losgelöst von den Göttern, als erster
von der Erde aus um das Göttliche kämpfen. In der Burg Trojas verband sich das alte Frauen-Idol mit dem letzten Kämpfer für das Göttliche im Menschenbilde, Deiphobos. So lange hielt die Helena
als Frauen-Idol stand, als Troja unberührt blieb von dem griechischen Schicksal. Sobald aber das griechische Element hineingelangt war, verwandelte sich das Idol in sein Gegenbild. Der Grieche, dessen Zeitalter angebrochen war, konnte auf freiem Boden zu der Möglichkeit kommen, sich emporzuringen nach der Göttlichkeit. Dadrinnen in der hohen Burg Troja war nur die fortgesetzte
reine Göttlichkeit oder — der Sturz möglich.
Erschöpft von Sorge und beschwert von Schlaf — so findet, nach zehn Jahren Kampf, die letzte Nacht die "Furcht vor dem zerstörenden Ende". Das treue Schwert, darüber er eingeschlafen war, entzieht ihm das einst zu ihm geflüchtete, jetzt gestürzte Idol der Helena. Sie ruft den neuen Liebhaber, Menelaos, hinein in das Schlafgemach, verstehend, dass es für ihn ein wertvolles Geschenk sein müsse, gerade Deiphobos, denjenigen, in dem die Scheu vor der Zerstörung des Pallasbildes, des Frauenidols, repräsentiert war, in seine Macht zu bekommen. Womit der schmerzliche Ruf von allem, was durchlitten ist, getilgt werden könnte. Mit der Zerstörung der
Scheu vor der Zerstörung des göttlichen Menschenbildes auf Erden ist Menelaos' und Odysseus' Arbeit vollendet.
Von den zahlreichen älteren Gelehrten, die die intensivste Forschungsarbeit an Virgil verrichtet haben, wird vielfach gefragt, wie Virgil einen solchen Mangel an Geschmack zeigen konnte, dass er
glaubte dem Leser die Beschreibung eines so grausam verstümmelten Menschen nicht ersparen zu dürfen, eines Menschen außerdem, der weder durch Tapferkeit noch durch irgend eine andere Tugend unser Mitleid erregt. Und man fragte — zwar als rhetorische Frage: was hatte Deiphobos denn getan, dass Virgil an ihm eine so grausame Strafe vollziehen lässt?
Die späteren Gelehrten fragen nicht mehr und urteilen nicht mehr, sie nehmen, was ein Dichter ihnen vorlegt, unbewusst hin als Schmuck, als den schönen Schein von hohlen Schatten: Poesie, der
Gegensatz von der reellen Prosa. Gerade an dem Beispiel des Deiphobos habe ich aber zu zeigen versucht, wie die großen Dichter des Altertums uns keine hohlen Schatten, sondern mit den innersten Schicksalen der Menschheit zusammenhängende Gestalten hinterlassen haben.
Hat man aber das Recht, so könnte man fragen, den größten römischen Dichter, diese Schatzkammer des Altertums, zu feiern, solange man ihn nicht lesen kann, ihn nicht "ausgegraben" hat? Solange man nicht einmal sich bewusst ist, wie große Weltzusammenhänge überschaut werden müssen, bevor man selbst das berühmte Wort jenes anderen Dichters des römischen Volkes, Sextus
Propertius, des jüngeren Zeitgenossen Virgils, versteht:
"Cedite Romani scriptores, cedite Graii:
Nescio quid inaius nascitur Iliade."
"Weichet, ihr römischen Dichter, weichet, ihr Griechen:
Irgendetwas Größeres als die Iliade wird geboren."
Der Sang von den Mühen, das heilige Ilion nach Rom hinüberzuretten, galt dem römischen Properz als etwas weit Größeres als der Hellenensang von der Zerstörung der göttlichen Burg, auf dass der
Mensch auf Erden ein freier Kämpfer um das Götterreich wurde.
terug naar Publicaties