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Die Drei, VIII Jahrgang, 9. Heft, Dezember 1928


EINE SYLVESTER-TRADITION IN AMSTERDAM

ADELYDE CONTENT

     Wer einen Sinn dafür hat, dem kommt in den verschiedenen Städten desselben Landes ein verschiedener Geist entgegen. Wenn man in dem dem Meere abgerungenen Stückchen Boden, das in alter Sprache "de lage landen bi der see" (Lage = Tiefe) genannt wurde, wenn man in Holland also von dem auf die Nordsee hinaufblickenden Haag über drei Viertelstunden nordostwärts bis Amsterdam fährt, das schon beinahe an das kleine Innenmeer, die Zuiderzee, herankommt, wird der Empfängliche einen großen Unterschied gewahr. Er erfährt: Haag ist eine Stadt, wo alles möglich ist. Weil von altersher die regierenden Häuser, von den ursprünglichen Grafen an über die Statthalter hin bis zu den königlichen Staatshäuptern im Haag ihre Residenz hatten, war es zugleich die Stätte, wo Abgesandte aller Staaten der Welt ununterbrochen durchkamen, um eine Zeit lang ihren Ton im internationalen Konzert hören zu lassen. Das Seebad Scheveningen war bis zum Weltkrieg eine von zahllosen Gästen aus aller Welt besuchte mondäne Sommerfrische. Dazu kommt das endlose Ein­ und Ausziehen vieler Holländer der Kolonien, die ihre Urlaubszeit meistens im schönen Haag verbringen und sich am Ende ihrer Laufbahn in den Tropen meistens auch wieder mit ihren veränderten Lebensgewohnheiten unter die Haager Familien mischen. Wegen der schönen Umgebung und des freien, leichten Lebens haben auch immer viele Künstler sich dort niedergelassen. So wurde im Haag "alles möglich", Haag blieb eine Stadt ohne Tradition, ist sogar im eigentlichen Sinne des Wortes nie eine Stadt gewesen: die Mauern, womit andere Bürgerschaften sich umgaben, hat die Einwohnerschaft vom Haag nie um sich gesehen, keinen Rest eines Tores oder eines Walles kann sie nachweisen.

     Amsterdam, die Hauptstadt Hollands, hat eine Tradition, und eine starke Tradition. Seit dem Beginne des vierzehnten Jahrhunderts begann es emporzukommen, von der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts an brachten es die Amsterdamer Geschäftsleute, nebst den aus den südlichen spanischen Niederlanden eingewanderten Protestanten, sowie den aus Portugal eingewanderten Juden, mit ihrem unternehmenden Handel wunderbar schnell zu gewaltigem Blühen. Die großen stattlichen Patrizierhäuser, den Grachten entlang, die vierfach die alle Innenstadt umgeben, stehen da als Zeugen der Kraft und des Sieges der Vorfahren von vielen jetzt vielfach noch in der Stadt lebenden ansehnlichen Geschlechtern. Von Amsterdam aus zogen kühne Seefahrer zur Erforschung der Erdkugel in die Welt hinaus, durch ihre einflussreiche Patrizierkaste wurde Amsterdam tonangebend in den Kompanien, die im Osten und im Westen die Kolonien verwalteten. Wie sehr die sturen Amsterdamer der damals noch tieffrommen Zeiten ihre Aufgaben als Weltaufgaben fühlten, mag daraus ersichtlich werden, dass bis in den Anfang des siebzehnten Jahrhunderts herein in den protestantischen Kirchen selbst Unterricht in der Seefahrtskunde von den Pfarrern gegeben wurde. Der Pfarrer Plancius ist berühmt als Kenner der alten Geographie.

     Künstler und Wissenschaftler schienen in so einer blühenden Stadt aus dem Boden zu wachsen. Als ein Zentrum regen, geistigen Lebens wie nie in der Geschichte Hollands vorher oder nachher, zeigt sich das Amsterdam des siebzehnten Jahrhunderts. Aus den dreißiger Jahren datiert auch die Gründung des Athenaeum Illustre, des Vorläufers der späteren Universität, eine Tat der Kaufleute. Als eine Hochschule für Philosophie, Religionsgeschichte und Redekunst war das Athenaeum ursprünglich gemeint. Als Charakteristikon für den freien Geist, dem es seinen Ursprung verdankte, sei vermeldet, dass man Galilei, der eben erst dem Kerker entkommen war, ersuchte, an der neuen Hochschule seine Wissenschaft zu verkünden. Galilei lehnte dieses Gesuch ab, weil ihn in seinem hohen Alter die lange, schwierige Reise und die klimatologischen Verhältnisse Hollands abschreckten.

     In der napoleonischen Zeit erlebt Amsterdam unter der französischen Herrschaft böse Zeiten, schnell geht es bergabwärts. Als nach der französischen Zeit die Kolonien, die England inzwischen verwaltet hatte, zurückgegeben werden, sind die Weltsituationen ganz andere geworden. Amsterdams Handel ist ruiniert, unter den dann herrschenden Umständen scheint es fast unmöglich, ihn wieder zu heben. Erst in den letzten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts stellt Amsterdam sich wieder her. Im zwanzigsten Jahrhundert sehen wir es als blühende Handelsstadt wiederum auferstanden.

     Selbstverständlich bleiben, so wenig wie in einer königlichen Residenz, die Einwohner einer lebendigen großen Handelsstadt unter sich und innerhalb ihrer eigenen Nationalität. Allein der internationale Verkehr in der Residenz war ein ewiger Sonntagsverkehr, derjenige in der Handelsstadt wurde ein Sammelpunkt des harten Alltags, des rauhen Lebens. Der Amsterdamer erwarb sich Menschenkenntnis, er lernte sich durchzusetzen. Er wurde großzügig und gewichtig. Einen Charakter bekam er, einen Charakter, der sich reich und scharf ausprägte. Wo man ihm begegnet im Lande, man kennt ihn wieder an der einfach­höflichen, freien Art des Verhaltens. Man fühlt, man hat es zu tun mit jemandem aus der Großstadt.

     Wenn man in so einer Stadt mit einer großen Tradition eine Zeitlang verweilt, kann man darauf kommen, wie die Schattenseite so eines uralten Schatzes darinnen besteht, dass der Besitzer es schwer hat, sich frei und offen einzusetzen für das Neue, das im Zeitenlauf an der Reihe ist. Der Gang der Erdgeschichte ist die Spiegelung der himmlischen Göttergeschichte, das Resultat des Götterwillens. Der Himmel gibt sich nicht zufrieden mit dem Erwerben eines Schatzes, vom Himmel aus ist ein nie endendes Leben und Weben gewollt. Gerade in unserer Zeit geht es um ein intensives Leben, ja, um einen Umschwung in der Evolution.

     Rudolf Steiner hat sich selbst dahingegeben, um die Menschheit über den vom Himmel gewollten, nicht zu umgehenden Weltenwendepunkt aufzuklären, damit die Einsicht in die Erschütterungen, die so eine Krisiszeit mit sich bringt, sie ihr erträglich machte und ihr den Weg wiese, hindurchzukommen. Von Rudolf Steiner wissen wir, wie es an der Zeit ist, dass das Alt­Erworbene hinaufgerückt wird ins geistige Licht. Wie es bis jetzt war, kann es nicht bleiben, die Erdentdeckungs­ und Erderoberungskräfte sollen sich metamorphosieren zu Kräften, die die geistige Welt entdecken und kennen lernen können. Da, wo man nicht imstande ist, die zeitgewollte Evolution mitzumachen, geht es unwiderruflich in die Dekadenz hinein.

     Sprechende Erfahrungen kann man in dieser Hinsicht in einer Stadt wie Amsterdam machen. Da gibt es einen Teil der Bürger, der getragen wird von der Tradition ihrer ehrwürdigen alten Stadt. Vor­nehmen Sinnes stehen sie in der alten Gesichertheit, feingesittet in der allen Bildung darinnen. Ein großes Kontingent der Bevölkerung wird geformt von den Juden, die, vor Jahrhunderten eingewandert, mitgeholfen haben, die Stadt groß zu machen. Ein ganzes Stadtviertel wird von ihnen eingenommen, die sogenannte ,,Jodenwijk", heute besonders von den Geringeren, den Kleinhändlern usw. bewohnt. Von den höheren Ständen der Juden, denjenigen, die — und das sind ja viele — als Politiker, Künstler, Wissenschaftler hohe Stellen einnahmen, begannen im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts viele sich aus ihrer, aus der jüdischen Tradition etwas zu lösen, "Freidenker" zu werden. Das Hereinwirken der geistigen Welt in die physische jedoch, darauf wir hindeuteten als auf einen Versuch der Götter, die Menschen zu ihrer Welt heraufzuheben, damit sie sie kennen lernen, dieses Hereinwirken wird von den tieferempfindenden Seelen auf Erden gespürt. Ist keine Möglichkeit vorhanden, um sich bewusst zu werden, was da geschieht — die Möglichkeit des Bewusstseins ist vorhanden: durch ein Verständnis im Sinne Rudolf Steiners — so greift die sehnsüchtige Seele statt nach dem Zukünftigen zurück nach dem Vergangenen. Daher die allüberall sichtbaren Versuche, die alten Religionen zu aktivieren (was sehr gut sein kann, vorausgesetzt, dass man sie aktiviert in dem neuerdings nötigen Lichte). So ist auch unter den gebildeten Juden, die schon angefangen hatten, sich aus dem alten Zusammenhang zu lösen, eine Reaktion bemerkbar, die das Wiederaufleben der vorväterlichen Traditionen zum Ziel hat.

     Das in der späteren Zeit aufgekommene Proletariat, das nicht so sehr in der Stadt­Tradition gefangen sitzt, weil es nicht das Bewusstsein hat, der Stadt mit zu ihrer Größe verholfen zu haben, hat die Möglichkeit, die sich aus dieser freien, traditionslosen Stellung ergab, verpasst. Die Möglichkeit, die neue Geistigkeit zu sich sprechen zu lassen, ist ihm entgangen, indem es als sozialdemokratische Masse sich auf das nur materielle Leben warf und darin — nahezu er­stickte. Diejenigen unter der Bevölkerung, die nicht irgendwie von bindenden Traditionen gehalten werden (auch in den höheren Klassen gibt es solche), erhaschen als die Nahrung, die nun einmal nötig ist, weil der Mensch "von Brot allein nicht leben kann", die — Sensation. Sie formen das Publikum der Dancings, die Reihen vor den Kinos, wo sie sich von schreiend­leuchtenden Namen von Titelhelden, wie Don Juan oder Casanova nebst sinnenreizenden Anschlagbildem haben heranlocken lassen, von den noch unter Don­Juan­Filmen stehenden Amüsements der dekadenten Masse ganz zu schweigen.

    Ein flüchtiges, allgemeines Stadtbild von Amsterdam ist es nur, was wir hier geben konnten. Eine Erfahrung ist es tatsächlich, dass z. B., wenn wir einen Vergleich machen zwischen Haag und Amster­dam, man in der ersten Stadt auf eine viel größere Aufnahmefähigkeit für die neuen Erkenntnisse Rudolf Steiners trifft als in der letzteren, traditiongebundenen. Wenn man in der Weihnachtszeit in Amsterdam weilend einmal die Weihnachts­ und Sylvestertradition mitmacht, die der richtige Amsterdamer jedes neue Jahr miterlebt, kann einem aufgehen, wie gerade diese erhabene Tradition, eben in ihrer Erhabenheit, ihren Teil dazu beiträgt, die alten Tore von Amsterdam für das Neue zu verriegeln.

     Am zweiten Weihnachtstage 1637 sollte das neugebaute Stadttheater eingeweiht werden mit einem von dem größten holländischen Dichter für diesen Zweck geschriebenen Stück über die Historie seiner geliebten Stadt Amsterdam. Joost van den Vondel hatte seinen Gijsbreght van Aemstel gedichtet. Joost van den Vondel wird der Fürst der holländischen Dichter genannt, obschon wir davon überzeugt sind, dass es heutzutage im Lande viele gibt, die nur seinen Namen noch kennen. Für die Bequemlichkeit der Neuzeit sind Vondel und seine Sprache zu schwer, zu langweilig. Von den großen Malern aus Vondels Zeiten, Rembrandt, Frans Hals usw., die in gleicher Ausführlichkeit wie Vondel auf großen Tüchern das Leben von Behörden und Bürgern darstellten, lässt man sich leichter ansprechen als von der etwas veralteten künstlerischen Sprache des Dichters aus jener Blütezeit.

     Vondel erzählt aber nicht nur von den Sitten und dem Glanz seiner Zeit. Gewiss lebte er intensiv das Leben seiner Zeit mit, stand mit offenem, scharf­wachem Blicke da und scheute sich nie, in seiner Dichterarbeit unerschrocken die Übel und Schwächen, die sich diesem scharfen Blicke ergaben, seinen Zeitgenossen entgegenzuhalten. Aber außerdem war er ein im richtigen Sinne universeller Geist. In der Vorrede der neuen Ausgabe in zehn monumentalen Teilen aller seiner Werke, welche der Verlag der sogenannten "Wereldbibliotheek" jetzt verschiedenen älteren Ausgaben folgen lässt, heisst es: "Es ist selbstverständlich, dass das Zusammenwirken verschiedener Vondel­ kenner nötig ist, will man eine gute, wissenschaftliche Ausgabe der Arbeit des Dichters zustande bringen. Vondel ist so vielseitig, dass das Studium seines Lebens und seiner Kunst nicht nur die gewöhnlichen Wege von Sprache, Geschichte und Literatur zu gehen hat, sondern ausserdem die besonderen Wege von Philosophie, Theologie und Kulturhistorie, von Bibliographie und Altertumskunde, während sie, ausser der Erkenntnis der nationalen und internationalen Geschichte von des Dichters Zeit auch ein lebendiges Vertrautsein mit Alt­Holland, besonders mit Alt­Amsterdam erfordert. Ein Gelehrter, wie vielseitig er gebildet sei, ist nicht imstande, Vondel derart zu ergründen, dass er seine ganze Arbeit umfassen und sie anderen verständlich machen kann."

     Viele gelehrten Mitarbeiter sind denn auch an der neuen Ausgabe beschäftigt.

     Als Holländer kann man es bedauern, dass Vondel durch seine Sprache Rudolf Steiner nicht zugänglich war. Gewiß hätte die Erscheinung Vondels sein lebendiges Interesse erregt. Wie gern hätte man z. B. einmal sein Licht geworfen gesehen über das Vondelsche Drama "Luzifer", welches die Auflehnung Luzifers, seinen Sturz und Michaels Sieg zum Inhalte hat!

     Die Deutschsprachigen könnte man übrigens zwar auf das Buch des katholischen Pfarrers A. Baumgartner: "Joost van den Vondel, sein Leben und seine Werke" verweisen. Die blühende Dichtersprache Vondels in anderer Sprache wiederzugeben, ist aber eine Unmöglichkeit. Die holländische Sprache, die bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts immer noch nicht zur Selbständigkeit gekommen war, wurde am Anfang des siebzehnten Jahrhunderts von Hooft (dessen Schloß zu Muiden als ein geistiges Zentrum seiner Zeit bekannt war), für die Prosa und von Vondel für die Poesie aus den Wickelbändern gehoben. Mit derselben Gestaltungskraft, mit der die berühmten Maler aus der holländischen Schule noch heute der Welt Bewunderung abzwingen, haben Vondel und Hooft das ungeformte, unpersönliche Sprachmaterial verwendet. Und so wie man heute noch vor einem Gemälde von Rembrandt ergriffen wird, so ergreift — um bei Vondel zu bleiben — einen auch heute noch immer wiederum der tiefe sonore Klang von Vondels Versen. Man erfährt: die große lebendige Seele Vondels, die auf alle seine Zeitgenossen einen Eindruck machte: mit ihr hat Vondel die holländische Sprache ergriffen, sie hat er in sie ausgegossen und mit ihr ergreift und erschüttert er unwiderstehlich bei jeder seiner Zeilen.

     Und wenn ich nun ein persönliches Erlebnis mitteilen darf: was für ein lebendiges reales Element Sprache ist, ich erfuhr es nochmals, als ich nach ein paar Jahren Aufenthalt unter Anderssprachigen die Sprache des Vaters des Holländischen klingen hörte. Im Gegensatz zu der heute allgemeinen Sprache, die natürlich schon wieder das Produkt vieler Metamorphosen ist, offenbarte sich mir in der Vondelschen Sprache die Seele des Holländertums. Ich empfand, dass das Hören von Vondel die magische Macht hat, einen in die Nationalität festzunieten.

     Es war Vondels Gijsbreght van Aemstel, den ich in der Sylvesterzeit von der Bühne tönen hörte. Für die Einweihung des Stadttheaters hatte Vondel als Gegenstand seines Festspieles gewählt den Streit einiger kleiner Landsherren um Amsterdam, wobei im Jahre 1304 die Stadt fällt und das ursprüngliche Geschlecht van Aemstel, dem sie den Namen verdankt, flüchten muss. Das geschichtliche Ereignis hat Vondel, wozu er als Dichter das vollste Recht hat, nur als Anknüpfung genommen. Was für Gestalt die damaligen Geschehnisse im Dichtertraum annehmen und was der Dichter betreffs seines geliebten Amsterdams dem letzten der ursprünglichen Gebieter beim Scheiden für Zukunftshoffnungen zu sagen hat, das ist es, was Vondel seinen Mitbürgern im strahlenden siebzehnten Jahrhundert als Gabe für die neue Stadtbühne bietet.

     Vondel liebte die Klassiker. Sophokles, Vergil, Ovid, viele hat er übersetzt. Richtig gesprochen: in sein üppiges Sprachmaterial umgegossen. Vergil hat er vielleicht am meisten geliebt. Der Ton der Vondelsprache ist in seiner Vollheit und Tiefe dem des Vergil treffend ähnlich, man kann beim Hören von Vondel die Empfindung haben, man sei von Vergil umhaucht.

     Den Sturz Amsterdams hat Vondel in seinem Dichtertraum gesehen als den Sturz Trojas. Die Worte aus Vergils Aeneis Urbs antiqua ruit (die alte Stadt stürzt hernieder. Vondel: de aeloude

stad ploft neer) stehen wirklich auch als Motto unter dem Titel. Durch eine ähnliche List, wie es bei Troja geschah, durch ein mit Soldaten angefülltes "Seepaert" (See­Pferd), das nach vorgespiegeltem Abzug der Belagerer hereingeholt wird, lässt Vondel die Einnahme der Stadt erfolgen. Wie einst Aeneas mit den Seinigen aus dem brennenden Troja geflüchtet, so flüchtet der Herr van Aemstel mit seinem Geschlecht aus dem in Flammen aufgehenden Amsterdam. Dem Aeneas erscheint der Schatten der Creusa und befiehlt ihm zu ziehen: ein langés Exilium, schwere Irrfahrten stehen ihm bevor, aber seine brennende Stadt wird zum Schluss größer auferstehen. D. h. Troja wird als das Weltimperium Rom wiedergeboren werden. Dem Gijsbreght van Aemstel erscheint in der Heiligen Nacht, in der seine Stadt ihrem Ende entgegengeht, der Engel Raphael:

                              *0 Gysbreght, setz' getrost die Schultern unters Kreuz,

                               Dir auferlegt von Gott, 's ist all umsonst dies Haus

                               Verteidigt: hätten wir's in unsren Schutz genommen,

                               Es war mit Amsterdam so weithin nie gekommen:**

                               So widerstreb' nicht mehr der treuen Gattin Rat,

                               Verlass der Väter Erbe, nimm hin jetzt Gottes Tat.

                               Liegt auch die Stadt zerstört, lass ohne Graun vergehen:

                               Sie wird mit größerm Glanz aus Asche und Staub erstehen ...

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* Versuch einer so nah wie möglich bei dem Ursprünglichen bleibenden Obersetzung. Die

Lauterkeit des Deutsch wurde dem Streben, Vondels Klang beizubehalten, geopfert

** VgL Creusa: non baec sine numine divom evenlunt Verg. Aeneis II, 777. ­

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Von anabaptistischen Eltern, die wegen der Unterdrückung der Protestanten in den südlichen Niederlanden sich aus Antwerpen nach Köln geflüchtet hatten, war Vondel am 17. November 1587 in Köln geboren. Als er acht Jahre alt war, begab sich die Familie nach Utrecht, das nächste Jahr nach Amsterdam, der Stätte, wo der Knabe Mann und Greis werden sollte, um auf Holland einen noch nie abgemessenen Einfluss zu üben.

     Merkwürdig ist, dass die Kraft und Gewalt Vondels nach seinem fünfzigsten Lebensjahr liegen. Während er vor diesem Alter kränklich und melancholisch war, lebte er nachher in einer gewaltigen Kraftentfaltung auf. Von seinem 50. bis zu seinem 87. Lebensjahr liegt seine produktive Zeit. Bis zu seinem 89. Jahre blieb er ungebrochen, brauchte nicht einmal eine Brille für seine Lektüre. Dann versagten zuerst die Beine ihm den Dienst. Sobald die Beine versagt hatten, fing sein Gedächtnis an schwächer zu werden, bis er, über 91 Jahre alt, entschlief.

     Das ganze Leben Vondels zu beschreiben, ist hier nicht möglich, noch beabsichtigt. Die Tatsache des Wiedereintretens des Anabaptistensohnes in den Katholizismus, den die Eltern um den Preis ihres Vaterlandes aufgegeben hatten, kann, wenn man von Vondel spricht, nicht außer Acht gelassen werden. Auch möchten wir in dieser Beziehung vermelden, dass, als Vondels Großvater von mütterlicher Seite, Peter Kraanen (ein brabantischer Dichter), nach Köln entkommen war, seine Frau aber gefangen gehalten wurde, diese ihre Freiheit nur dadurch erkaufte, dass sie sich der Bedingung fügte, eines ihrer Kinder katholisch taufen zu lassen. Es war das Töchterlein, das nachher Vondels Mutter wurde, welches für eine katholische Taufe auf eine Weile nach Antwerpen zurückentboten wurde, um dann sich wieder mit ihrer anabaptistischen Familie in Köln zusammenzufinden.

      Von katholischer Seite wird darauf hingewiesen, wie Vondel erst der mächtige Mensch und Dichter wird, nachdem er in den Schoß der altväterlichen Kirche zurückgekehrt war. Fest steht, dass auch die Tat Vondels: der Übertritt in die katholische Kirche, erst im reifen Mannesalter — 52 Jahre zählte er — erfolgte. Der Gijsbreght van Aemstel gilt als das Stück, das des Dichters nahenden Übertritt in den Katholizismus ankündet. Die Weihnachtsfeier von Bischof und Nonnen im Kloster der Klarissen in der Nacht, wo Feind und Feuer der Klosterpforte schon nahen, ist nicht eine der geringsten Gründe, warum die auf den zweiten Weihnachtstag 1637 geplante Aufführung nicht zustande kam. Von den protestantischen Pfarrern des sich noch immer im achtzigjährigen Freiheitskriege befindlichen Holland war Protest auf Protest gegen die "Vorzeigung der Superstitien" eingelaufen. Die Aufführung setzte sich dennoch durch, am Sonntagnachmittag, den 3. Januar 1638, wurde das Stadttheater mit dem "Gijsbreght" eingeweiht. Bis zum 16. Februar erscheint er dreizehnmal auf der Bühne, dann gelingt es protestantischem Widerstand, ihn beinahe vier Jahre auszuschalten. Am 23. Dezember 1641 steht er wieder da, atemlos lauscht das Publikum der mächtigen Sprache und den mächtigen Bildern, worinnen Vondel ihm von seiner Stadt spricht. Und das wohl Niedagewesene geschieht: seit jenem Jahre 1641 bis in unsere Zeit herein, also fast 300 Jahre lang, erscheint der Gijsbreght van Aemstel jede Weihnachtszeit, Ende Dezember oder Anfang Januar einige Male auf der Bühne.

     In späteren Zeiten entstand der Brauch, die erste Aufführung am Abend des Neujahrstages zu bringen. Seit 1707 ließ man dem ergreifenden Drama ein lustiges kleines Nachspiel folgen: eine Bauern­ Hochzeitsfeier, die "Hochzeit von Kloris und Roosje". Alle dem Theater verbundenen Schauspieler erscheinen in Bauernkostüm und Holzschuhen auf der Bühne, leichte Musik erklingt, es werden alt-holländische Bauerntänze aufgeführt, und man setzt sich an den wohlversehenen Hochzeitstisch, um tatsächlich zu essen und dem Publikum Reimereien zu den Gängen aufzutischen, worinnen aktuelle Begebenheiten lustig durchgehechelt werden. Jährlich bei der ersten Aufführung am Neujahrsabend erscheint der Bürgermeister von Amsterdam in seiner Theaterloge hört mit seinen Bürgern dem Gijsbreght zu und nimmt den an ihn gerichteten Neujahrswunsch des Brautpaares Kloris und Roosje für das Wohlergehen der Stadt Amsterdam in Empfang.

     Wer nun diesen traditionellen Neujahrsabend im Stadttheater als Nicht­Amsterdamer, aber dennoch Holländer, und dazu aus dem Ausland kommend, zum ersten Male mitmacht, dem kann es auf einmal einleuchten, wie in dieser Neujahrsfeier ein Gewaltiges für das Schicksal von Hollands Hauptstadt verborgen liegt. So wie Vergil in der römischen Blütezeit mit seiner schweren, mächtigen Stimme, die von dem tragisch­gewaltigen Untergang Trojas als Fundament für Geburt und Wachstum des heißgeliebten Roms sang, seine Mitbürger an ihre Stadt fesselte und ihnen die Größe Roms als Lebensziel in Geist, Seele und Glieder einflößte, so durchdrang und durchdringt noch immer die Stimme Vondels die Amsterdamer mit dem Willen zu leben und zu sterben für das Heil ihrer Stadt und ihres Vaterlandes. Denn die Stimme des Gijsbreght­Vondel ist die Stimme des nach schwächlichen Jugendjahren um sein 50. Lebensjahr in den vollen Besitz seiner Kräfte gestellten, vor einer vierzigjährigen Arbeitsfrist gesetzten Volksdichters. Das Material der Stimme ist die lebendig ausgegossene Seele des wie im Katholizismus neu geborenen Mannes, die uneingeschränkt schaffen durfte in der formlosen Sprachmaterie eines schnell emporgeschossenen Volkes, das seiner eigenen Ausdrucksmöglichkeit entgegenharrte.

     Als Nicht­Amsterdamer kann man ein Schönheitserlebnis haben, wenn man diese Gijsbreght­Tradition einmal mitmacht. Die Hingebung, womit jeder Schauspieler seine Rolle erfüllt — der Wunsch jedes Mitgliedes der Theatertruppe gipfelt in einer Rolle im Gijsbreght — gibt ein Bild davon, wie sehr die Mitspielenden von den Vondelschen Versen ergriffen sind. Es gibt Teile, die national so altbekannt sind, dass einem beim Wiederhören das Herz aufgeht. Es pocht einem wirklich die Nationalität an die Seele, wenn die Vondelsprache des Nonnenchores erklingt:

                                    O Christnacht, hoch vor allen Tagen —

                                    Wie kann Herodes es ertragen,

                                    Das Licht, das durch dein Dunkel blinkt

                                    Und wird verehrt und angebetet. . . .

Nebenbei sei hier bemerkt, dass der Einfluss der Chöre noch unendlich größer sein würde, wenn sie wirklich als Chöre zusammen gesprochen würden. Heute erscheint ein Schauspieler am Ende einer Szene vor dem geschlossenen Vorhang, um das Chorlied zu sprechen. Ursprünglich wurden diese Chöre in dem Gijsbreght gesungen. Das genannte Nonnenchor wurde ein richtiges altes Volkslied, das bis weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein von Weihnacht bis Mariä Lichtmess von den Nachtwächtern im nächtlichen Amsterdam gesungen wurde.

     Als Nicht­Amsterdamer also kann man dies alles als alte nationale Schönheit genießen. Für den Amsterdamer, der sich zum Anfang seines neuen Jahres zur Gijsbreghtfeier aufmacht, liegt in dieser Tradition ein Grund seines . . . unwiderruflich Gefesseltsitzens in der Tradition.

     Dass das, was ich bei der Sylvesteraufführung des Gijsbreght empfand, einen Grund hat, wurde mir in jenen Tagen bestätigt, indem ich in dem mit der Universitäts­Bibliothek verbundenen Vondel­ Museum eine frisch von katholischer Seite erschienene Luxusausgabe des Gijsbreght vorfand. In der Vorrede hieß es dort: ,,Der Gijsbreght van Aemstel ist mehr als eines der besten Dramen des Joost van den Vondel. Er ist, wenn auch nicht so gemeint, so doch durch die Tradition der Jahrhunderte geworden: das Bild unseres nationalen Lebens, mit seinen tragischen Momenten und seinen höchsten Hoffnungen, symbolisiert in dem Untergang und in der Prophetie einer erhabenen Zukunft von Amsterdam, dieses ewigen Herzens unseres Landes und unseres Volkes. Die jährliche Aufführung dieser Tragödie ist und bleibt eines der Stützpunkte, worauf unser nationales Bewusstsein ruht."

     Probleme sind hier noch zu lösen. Dass eine tief­künstlerische Seele wie die des Vondel in dem straff­gesetzmäßigen Calvinismus des Holland des siebzehnten Jahrhunderts sich in die Bilder des Katholizismus zurückflüchtete, ist erklärlich. Inzwischen zieht das nationale Bewusstsein des calvinistischen Holland also schließlich seine Kraft aus der brennenden Seele eines Dichters, der mit der ganzen Gewalt seiner spätgeborenen Kraft sich mitten im nationalen Freiheitskrieg gegen den Katholizismus in diesen zurückwirft.

     Eine nächste Merkwürdigkeit ist, dass die bekannte holländische literarische Renaissance gerade nach dem Jahre, welches Rudolf Steiner als das Endjahr des dunklen Zeitalters, des Kali­Yuga, angab(1879) — die "Bewegung von '80" wird jene Renaissance genannt und Wunderbares, Wunderbares hat sie eine kurze Zeit lang hervorgebracht — ihre Wiege sozusagen hatte in dem Hause eines fein­ literarischen, patrizischen, katholischen Amsterdamers und seines Kreises, wo das Studium der alten holländischen Klassiker, besonders Vondels, im Zentrum des gemeinsamen Strebens stand. Alberdingk Thym hieß der sympathische, moderne Katholik. Mit Vondel hat er sein ganzes Leben in Wachen und Träumen zusammengelebt.

     Tragisches wäre über das Dichtergeschlecht der Bewegung von '80, das meistens nach einem Gedichtband himmelentflammten Gesangs unterging, zu sagen. Das dauernde Licht hat es nicht ergreifen können. Holland und dessen "Herz" Amsterdam stieß es in die Tradition zurück oder ließ es, dort wo sich die Haken der Tradition nicht vorfanden, in den bodenlosen Abgrund lichtlos hinuntergleiten.

     In das Innerste des Heiligtums "Tradition" begab sich Rudolf Steiner einmal hinein. Es war im Frühling 1923, als er in der Aula der Amsterdamer Universität erschien, wo er von der Gesellschaft für Philosophie eingeladen war, seine Anthroposophie auseinanderzusetzen. Der Vorsitzende der Gesellschaft, ein Privatdozent der Philosophie an der Universität, in dessen Abwesenheit die Einladung ergangen war, fand es nötig, seine persönliche Stellung zu der Anthroposophie Rudolf Steiners einmal klar zu machen und der neuen Geistigkeit Rudolf Steiners den alten Kant noch einmal gegenüberzustellen. Wer damals in der Aula war und es miterlebte, was da geschah in dem Zusammenstoß von Altem und Neuem, —­ wer in dem ruhigen, würdigen Benehmen Rudolf Steiners das Erhabene mitempfunden hat, der kann beim Rückschauen die Empfindung haben, dass es nicht aus einem Zufall heraus geschehen ist, dass der Gründer des neuen Geisteslebens einmal im geistigen Zentrum Amsterdams, des allzu nationalen Herzens Hollands, das sich jede Neujahrsnacht mit vom Katholizismus angehauchtem Blut erneuert, gegenwärtig war.

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